Die Welt ist ungerecht, Teil 1

Die Welt ist ungerecht – na und?  Warum wir denen nicht trauen, die für eine gerechtere Welt arbeiten

18.6.2012

Einer Hilfsorganisation in den Mund gelegt: Überklebtes Statement auf einem Misereor Plakat. Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von whitecharity.de
Einer Hilfsorganisation in den Mund gelegt: Überklebtes Statement auf einem Misereor Plakat. Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von whitecharity.de

Die Werbung von Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt, der Kindernothilfe, Misereor oder der Welthungerhilfe ist omnipräsent. Sie begegnet uns in Form von großformatigen Plakaten, als Anzeigen in Zeitschriften. In der Fußgängerzone bekommen wir ihre Prospekte direkt in die Hand gedrückt. Auf einfallsreiche, plakative und manchmal auch diskriminierende Art und Weise will sie unsere Aufmerksamkeit auf das Elend dieser Welt richten. Auf Menschen in Entwicklungsländern, die nichts zu Essen haben, auf Familien, die durch Krieg und Ausbeutung vertrieben werden oder auf Kinder, die keine Chance auf Schulbildung bekommen. Wir jedoch könnten daran etwas ändern, wenn wir nur monatlich eine kleine Spende überweisen, ein Patenkind adoptieren oder uns ehrenamtlich engagieren würden.

Dies alles haben wir schon zig mal gehört und glauben es trotzdem nicht. Einen Moment lang halten wir jedoch trotzdem inne, weil wir wissen, dass es tatsächlich eine große Ungerechtigkeit gibt. Warum müssen Menschen hungern? Warum können Kinder nicht zur Schule gehen? Und warum sind die Chancen auf dieser Welt so ungerecht verteilt? Diese oder ähnliche Fragen hat sich sicherlich jeder schon mal gestellt.

Trotzdem zweifeln wir an der großen Erzählung der Hilfsorganisationen. Denn wir wissen ganz genau: Seit Jahrzehnten wird für die Ärmsten der Armen gespendet, werden Projekte durchgeführt, Brunnen gebaut – und doch hat sich an ihrer Situation nicht viel geändert. Und auch das wissen wir ganz genau: Selbst wenn jeder in unserer privilegierten Gesellschaft soviel spenden würde wie er könnte, würde es immer noch zu viel Armut geben (einschließlich der Armut, die es auch in unserer Gesellschaft gibt). Es mag sein, dass das Ausmaß der Armut dadurch gemildert werden kann, dennoch: Die große Erzählung der Hilfsorganisationen glauben wir schon lange nicht mehr.

Dies liegt nicht etwa daran, dass die Absichten der Organisationen falsch wären. Die Vision der Welthungerhilfe lautet beispielsweise „Alle Menschen dieser Welt führen ihr Leben eigenverantwortlich in Würde und Gerechtigkeit – frei von Hunger und Armut.“ – wer würde dem ernsthaft widersprechen? Aber auf welche Art und Weise wird auf diese Vision hin gearbeitet?

In der Selbstbeschreibung der Welthungerhilfe heißt es weiterhin „In unserer politischen Arbeit kämpfen wir für die Veränderung der Verhältnisse, die zu Hunger und Armut führen.“ Hier mag man fragen: Warum so vage? Warum wählt man nicht die Formulierung „…kämpfen wir für die Beseitigung der Ursachen, die zu Hunger und Armut führen.“? Dies wäre eine klare Botschaft an alle, die Hunger und Armut verursachen. Deutsche Investmentbanker, die auf Nahrungsmittel spekulieren und damit die Preise in die Höhe treiben sind verantwortlich für Hunger. Auf sie muss öffentlich Druck ausgeübt werden. Unternehmen, die von niedrigen Rohstoffpreisen profitieren und korrupte Eliten, die dies zulassen sind verantwortlich für Armut. Hier muss mehr Druck auf unsere Volksvertreter ausgeübt werden, um solche Praktiken zu unterbinden.

Die Hauptaussage der Organisationen bleibt indes immer gleich: „Spenden Sie jetzt!“.

Doch kleinere Organisationen machen vor, wie inhaltliche Arbeit mit politischem Engagement verknüpft werden kann: Die Nicht-Regierungsorganisation Medico International oder das Netzwerk Afrique-Europe-Interact leisten finanzielle Unterstützung an ihre Partner und gehen mit ihnen gleichzeitig den Ursachen von ungerechter Entwicklung auf den Grund.

Den großen Organisationen ist dieser Schritt nicht ganz geheuer: Sie befürchten weniger Spendeneinnahmen, wenn ihre Kampagnen zu politisch werden. Ist diese Angst berechtigt? In den meisten Fällen sicherlich nicht: Wer hätte schon ernsthaft Bedenken, wenn Investmentbanker Gewinneinbußen verzeichnen müssten, dafür aber die Nahrungsmittelpreise stabil blieben? Oder wenn Waffenhersteller pleite gingen weil ihnen die Märkte wegbrechen? Ist das „Innovationsland“ Deutschland tatsächlich auf solch schmutzige Geschäfte angewiesen?

In diesem Sinne hat politisches Engagement übrigens überhaupt nichts mit politischen Parteien zu tun. Vielmehr geht es darum dem eigenen Unwohlsein über bestimmte Zustände auf der Welt Ausdruck zu verleihen. Zum Politischen gehört auch der Wille zur Veränderung unserer Gesellschaft. Dies war und ist (?) die Domäne der Studierenden, die unsere Gesellschaft immer wieder zum Blick in den Spiegel zwangen und ihre Normen und Praktiken hinterfragte.