Die Welt ist ungerecht, Teil 2

Die Welt ist ungerecht – und wir wissen genau warum. Was es bedeutet sich seiner eigenen Privilegien bewusst zu werden

9.11.2012

Mein letzter Artikel an dieser Stelle war ein Plädoyer für die politische Positionierung von Hilfsorganisationen. Wer sich nur ein wenig mit der Arbeit der Welthungerhilfe, Brot für die Welt oder der Kindernothilfe auseinander setzt, wird schnell merken, dass ihre Bemühungen vergebens sind. Es ist kurzsichtig und gefährlich immer nur Symptome zu behandeln, wenn die Ursachen für viele Missstände ganz woanders liegen.

Auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen, ausgerechnet die Hilfsorganisationen zu kritisieren, gehören sie doch zu der Gruppe von Akteuren, die mit den besten Absichten antreten. Allerdings müssen Sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie sich ihrer Position in den herrschenden Machtstrukturen bewusst sind und dies in ihrer Arbeit berücksichtigen.

Ebenso wie die Hilfsorganisationen findet sich auch jede/r einzelne von uns in bestimmten Hierarchien und Strukturen wieder. Dies wird jedoch selten reflektiert und noch seltener werden die nötigen Schlüsse daraus gezogen. Rollen wir das Feld von hinten auf.

Viele Dinge, die wir lernen und mit denen wir uns Tag für Tag konfrontiert sehen, nehmen wir als selbstverständlich hin ohne sie zu hinterfragen.

Beispielsweise wird kein Zweifel daran gelassen, dass Hegel und Kant große deutsche Philosophen waren. Bei allem Respekt vor ihrer geistigen Leistung muss jedoch auch gesagt werden, dass sie unglaubliche Rassisten waren. Genauso wie sich heute fast jeder mit gesellschaftlichen Zwängen konfrontiert sieht, sich mit seinem Alltag arrangieren, einen Job finden und aufpassen muss nicht durch das soziale Gitter zu fallen, muss man sich auch klar machen, wer von unserem aktuellen Gesellschaftssystem profitiert und wer nicht.

Dabei sollte ich wohl zunächst meine eigene Position reflektieren, gehöre ich doch zu einer der privilegiertesten Gruppen überhaupt. Ich bin weiß, männlich, genoss eine gute Schulbildung und kann es mir leisten zu studieren –als Diplomstudent sogar mit Verlängerung. Zugegeben, wären meine Eltern auch schon Akademiker gewesen, wären meine Startbedingungen noch einen Tick besser gewesen. Aber auch so kann ich es mir erlauben einen Studiengang zu studieren, mit dem man nach verbreiteter Meinung nur Lehrer werden kann – ohne dass ich je die Absicht hatte diesen Weg einzuschlagen.

Zu Recht wird der ein oder andere nun einwenden, dass man ja nichts dazu könne, in welche Verhältnisse man hineingeboren wird. Stimmt, aber was kann denn jemand dazu, in Verhältnisse mit weitaus schlechteren Startbedingungen hineingeboren zu werden? Ich habe nie die Diskriminierung erfahren, den Sexismus erlebt, den Mangel gelitten, wie es andere Menschen müssen –sei es hier vor unserer Haustür oder in Ländern des globalen Südens. Soll ich das nun einfach ignorieren und so tun als wäre alles in Ordnung? Nein, das kann ich nicht. Soll ich mein ganzes Leben umkrempeln und mit aller Kraft und Selbstaufopferung versuchen die Welt ein bisschen besser zu machen? Ich glaube, dass ich auch das nicht könnte.

Zum Glück habe ich irgendwann festgestellt, dass ich längst nicht der Einzige und noch weniger der Erste bin, der sich mit diesen Themen auseinander setzt. Das ist eine wichtige Erkenntnis.

Begonnen habe ich diesen Artikel mit der ambivalenten Rolle der Hilfsorganisationen. Zentrales Prinzip ist dort das Spenden sammeln. Dabei ist der Spendenempfänger, der Bedürftige auf die Gutmütigkeit des Spenders angewiesen. Diese Gutmütigkeit ist freiwillig und kann jederzeit enden – kurzum, sie ist vom Gutdünken der ohnehin schon besser gestellten abhängig und entbehrt jedem Verantwortungs- oder Solidarprinzip.

Kommen wir nun zurück zu den Privilegien. Warum ist ausgerechnet jemand, der weiß, männlich und gut gebildet ist, privilegiert? Ist das Zufall? Nein, es ist eine Tatsache, die aus unserer Geschichte heraus entstanden ist. Dass Kant und Hegel heute aufgrund ihrer philosophischen Leistungen bekannt sind und nicht als Begründer oder zumindest Förderer der rassistischen Tradition Europas gelten, ist auch kein Zufall. Privilegien wollen gewahrt werden und wenn bestimmte Aspekte der Geschichte nicht in das eigene Selbstbild passen, werden sie kurzerhand ausgeblendet

Was ist also die Grundlage unserer abendländischen Tradition? Ich würde mir niemals anmaßen diese Frage wirklich beantworten zu wollen. Aber ein Teil dieser Tradition besteht mit Sicherheit in der Abgrenzung zwischen einem definierten Ich (meistens weiß, männlich und gut gebildet) und dem Anderen, dem Fremden. Dabei hat das Fremde immer einen abwertenden und primitiven Charakter, auch wenn diese Konnotation nicht immer sofort ins Auge fällt. Im Falle der Hilfsorganisationen kommt noch der Aspekt des Mangels hinzu, um die Bereitschaft zum Spenden zu erhöhen.

Diese Abgrenzung ist nötig, um das eigene Ich zu glorifizieren. Wie sonst könnte man eine Ausbeutungsgeschichte von mehreren hundert Jahren, ja bis in das Hier und Jetzt rechtfertigen, wenn nicht mit der Abwertung derer, die man ausbeutet?

Sprache spielt dabei eine wichtige Rolle. Begrifflichkeiten machen deutlich wie ich zu einer Person oder einer Sache stehe, sie konstituieren Machtbeziehungen und legitimieren Ungerechtigkeiten gleichermaßen. Natürlich reicht es nicht, diskriminierende Begriffe auszutauschen. Vielmehr geht es darum sich seiner Sprache bewusst zu werden und zu verstehen, was dahinter steckt.

Was geschieht nun wenn ich spende, außer dass ich mein eigenes Gewissen beruhige? Tatsächlich hilft das Geld im besten Fall auch einem hungernden Menschen einen Tag länger zu leben oder einem Kind zur Schule zu gehen. Was kann daran falsch sein? Falsch ist, dass die Machtbeziehung zwischen mir, dem Privilegierten, und dem vermeintlich Hilfsbedürftigen reproduziert und gefestigt wird. Wenn ich es tatsächlich ernst meinte mit Gerechtigkeit und Partnerschaft, dann würde ich mein Gegenüber auch in die Lage versetzen diese Werte zu leben. Indem ich mich mit einer Spende freikaufe, befördere ich ihn lediglich in ein neues paternalistisches Abhängigkeitsverhältnis.

Wie kann man diesem Dilemma nun entkommen? Kann man überhaupt etwas tun ohne nur Symptome zu bekämpfen? Ja, aber zum ersten Schritt gehört immer die kritische Überprüfung der eigenen Privilegien. Erst dann kann man die Strukturen verstehen, die für Armut, Ungleichheit und Ausbeutung verantwortlich sind, egal ob auf globaler Ebene oder im eigenen Land.

Die Konsequenzen daraus können vielfältig sein. Ein Schluss, den ich aus diesen Überlegungen gezogen habe ist, dass es keine Sphäre des Unpolitischen gibt. Jede unserer Handlungen hat Implikationen/Folgen, die wir daraufhin überprüfen müssen, ob sie tatsächlich in unserem Sinne sind. Wenn nicht, müssen wir Alternativen finden und diese konsequent umsetzen. Das ist nicht immer einfach, und allein kaum zu bewerkstelligen. Wenn man sich aber fernab der ausgetretenen Pfade etwas umschaut, wird man schnell herausfinden, dass es keinen Grund gibt alleine zu kämpfen. Die Uni ist für einen regen Austausch der ideale Ort. Aber es sind die Studierenden, die diesen Raum füllen müssen.